Brasilien an der WM 2026: ewiger Favorit auf den Titel
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Es gibt einen Satz, den jeder Fussballreporter über Brasilien irgendwann schreibt, und der trotzdem nicht falsch ist: Brasilien ist immer Mitfavorit. Seit der ersten Weltmeisterschaft 1930 hat die Selecao kein Turnier ausgelassen. Fünf Titel, dreiundzwanzig Teilnahmen, eine Quote auf den Titel, die selbst in den schwächsten Zeiten der Mannschaft nie über 10.0 stieg. Bei Brasilien an der WM 2026 ist das nicht anders, und doch fühlt sich diese Selecao unter einem neuen Trainerstab anders an als die Versionen von 2014, 2018 oder 2022. Ich erzähle hier, warum.
Die Qualifikation als CONMEBOL-Vertreter
Die südamerikanische WM-Qualifikation ist die anstrengendste der Welt. Zehn Mannschaften spielen Heim und Auswärts gegeneinander, was achtzehn Partien über zwei Jahre bedeutet. Brasilien ging in diese Qualifikation mit dem Anspruch, den ersten Platz zu sichern, und musste in den ersten Runden lernen, dass dieser Anspruch nicht automatisch erfüllt wird. Nach einer holprigen Phase unter dem Vorgänger-Trainer und einer Niederlage in Buenos Aires gegen Argentinien stand die Mannschaft Anfang 2024 unter Druck.
Die Wende kam mit einem neuen Trainer, der die Mannschaft zurück auf die Spielidee verpflichtete, die Brasilien gross gemacht hatte: technische Überlegenheit im Mittelfeld, Tempo auf den Aussenbahnen, Kreativität in den letzten dreissig Metern. Mit dieser Justierung gewann die Selecao die zweite Hälfte der Qualifikation überzeugend und schloss als einer der direkten WM-Teilnehmer ab. Der erste Platz in der CONMEBOL ging knapp verloren, aber das Ticket war früh gesichert.
Bemerkenswert war die statistische Entwicklung in der zweiten Phase der Qualifikation. Brasilien erzielte in den letzten neun Spielen über zwei Tore pro Partie im Schnitt, kassierte gleichzeitig weniger als ein Gegentor pro Spiel. Das ist die Kennzahl einer Topmannschaft, und sie deckt sich mit der Quotenbewegung des Marktes, der die Selecao in den letzten Monaten von einem Mitfavoriten zum klaren Top-Drei-Kandidaten hochgestuft hat.
Die Qualifikation brachte auch eine wichtige Lektion in Sachen Gegnerauswahl. Brasilien verlor oder spielte unentschieden in Spielen, in denen die Gegner tief standen und auf Konter spekulierten. Gegen Uruguay, Kolumbien und Paraguay gab es mehrere Partien, in denen die Selecao lange nach dem Schlüssel suchte. Diese Schwäche gegen tief stehende Gegner ist relevant für Gruppe C, weil sowohl Schottland als auch Haiti voraussichtlich in dieser Weise spielen werden. Wer das Problem nicht löst, verliert auch bei insgesamt guter Leistung Punkte.
Schlüsselspieler: Vinicius, Rodrygo, Casemiro
Wer den Kader Brasiliens analysiert, beginnt im Angriff und arbeitet sich rückwärts. Vinicius Junior ist der prägende Spieler dieser Generation. Bei Real Madrid hat er sich in den letzten drei Saisons vom dribbelstarken Talent zum konstanten Weltklassespieler entwickelt. Vinicius schiesst Tore aus dem Spiel, aus Standardsituationen, aus Eins-gegen-Eins-Situationen mit dem Torhüter. Seine Geschwindigkeit zwingt jede Innenverteidigung zu Anpassungen, die Räume für andere Mitspieler schaffen.
Was Vinicius über die reine Torgefahr hinaus auszeichnet, ist seine Reife. Vor zwei Jahren neigte er zu theatralischen Reaktionen in Zweikämpfen, heute spielt er fokussiert und nutzt die Provokationen der Gegner, um Freistösse in der eigenen Hälfte zu erarbeiten. Diese Reife ist ein Zeichen für einen Spieler, der von einem Topspieler zu einem Spielentscheider reift. Bei einer WM mit sieben K.-o.-Spielen auf dem Weg zum Titel ist diese mentale Qualität mindestens so wichtig wie die technische.
Rodrygo ist der zweite Mann der gleichen Generation, der ebenfalls in Madrid spielt und der in der Selecao oft auf der rechten Aussenbahn agiert. Was Rodrygo auszeichnet, ist seine Fähigkeit, in den richtigen Momenten in die Box zu kommen und kalt abzuschliessen. Er ist nicht der Spieler, der ein Spiel mit einem Solo-Tor entscheidet, aber er ist der Spieler, der in den letzten zwanzig Minuten einer engen Partie das entscheidende Tor erzielt, wenn der Gegner körperlich nachlässt.
Im Mittelfeld bildet Casemiro weiterhin den Anker. Sein Niveau hat in den letzten zwei Jahren in England nachgelassen, doch in der Selecao ist er der Spieler, der dem Mittelfeld die defensive Stabilität gibt, ohne die Vinicius und Rodrygo offensiv nicht funktionieren. Bruno Guimarães als zweiter Sechser ist die Brücke zwischen Defensive und Offensive, mit der seltenen Fähigkeit, sowohl Bälle zu erobern als auch die Spieleröffnung zu organisieren.
Im Tor ist Alisson Becker gesetzt, einer der drei besten Torhüter der Welt seit Jahren. Seine Reflexe und sein Spiel mit dem Ball machen ihn zu einem unverzichtbaren Faktor, gerade wenn die Selecao gegen tief stehende Gegner aus der eigenen Hälfte heraus aufbauen muss. In der Innenverteidigung sind Marquinhos und Éder Militão das Stammpaar, beide mit Champions-League-Erfahrung, beide mit der nötigen Schnelligkeit, um eine hohe Defensivlinie zu spielen.
Auf den Aussenverteidigerpositionen hat sich die Lage in den letzten Jahren verändert. Danilo und Alex Sandro sind nicht mehr die Stammkräfte, die sie 2018 waren. Die neue Generation um Vanderson und Wendell übernimmt nach und nach, und die Balance zwischen Erfahrung und frischen Beinen ist ein Thema, das der Trainer über die Wochen der Vorbereitung justieren muss. Gerade die Aussenverteidiger sind in Brasiliens System offensive Waffen, weil sie die zweite Welle des Angriffs einleiten und die Überzahl auf den Halbpositionen herstellen.
Die Bank bietet Optionen, die anderen Topmannschaften fehlen. Endrick als junger Stürmer hat in seiner ersten Saison in Madrid Anschlussfähigkeit gezeigt, ohne bereits Stammspieler zu sein. Raphinha bringt Tempo und Standardausführung, Lucas Paquetá Kreativität in der zweiten Reihe. Diese Tiefe ist es, die Brasilien an einer WM mit drei Spielen in elf Tagen einen strukturellen Vorteil gegenüber Mannschaften mit kleinerem Kader gibt.
Gruppe C: Marokko, Haiti, Schottland
Die Auslosung war für Brasilien gnädig, aber nicht trivial. In Gruppe C trifft die Selecao auf Marokko, Haiti und Schottland. Marokko ist der unangenehmste Gegner, Schottland der traditionsreichste, Haiti der WM-Debütant nach langer Pause.
Marokko ist die Mannschaft, die bei der WM 2022 in Katar als erstes afrikanisches Team das Halbfinale erreichte und die seither zu den ernstzunehmenden Mittelmächten des Welt-Fussballs gehört. Achraf Hakimi auf der rechten Aussenbahn, Yassine Bounou im Tor, eine kompakte Defensive und eine gut organisierte Pressing-Struktur machen Marokko zur Mannschaft, die der Selecao am gefährlichsten werden kann. Wer das Spiel Marokkos gegen Spanien oder Portugal in Katar gesehen hat, weiss, dass diese Mannschaft auch gegen technisch überlegene Gegner über neunzig Minuten bestehen kann. Brasilien wird in diesem Spiel die Initiative übernehmen müssen, ohne sich in die Konter zu verlieren.
Der Vergleich mit 2022 ist dabei nur bedingt gültig. Einige der Marokkaner der damaligen Halbfinalmannschaft sind am Ende ihrer Karriere, andere haben ihre Form verloren. Die Nachfolgegeneration ist vielversprechend, aber nicht auf dem gleichen Niveau eingespielt. Brasilien wird Marokko nicht unterschätzen, aber die Selecao wird mit einer realistischen Erwartung in das Spiel gehen, drei Punkte mitzunehmen. Der Trainer hat in seinen Pressekonferenzen mehrfach betont, dass Marokko der wichtigste Gegner der Gruppenphase sei, was eine klare Botschaft an die eigene Mannschaft ist: keine Nachlässigkeit, keine frühen Wechsel, keine Experimente.
Schottland kommt mit einer Mannschaft, die in der UEFA-Qualifikation überzeugt hat und die mit Spielern wie Scott McTominay, Andy Robertson und John McGinn ein Mittelfeld stellt, das auf europäischem Topniveau spielt. Schottlands Stärke liegt im physischen Spiel und in der mentalen Stabilität, die in K.-o.-Situationen oft ausgereicht hat, um knappe Spiele zu entscheiden. Brasilien wird das Spiel Schottlands respektieren müssen, kann aber technisch eine Klasse darüber agieren.
Für die schottischen Fans ist die WM 2026 das erste grosse Turnier auf einem anderen Kontinent seit Jahrzehnten, und die Mannschaft wird mit einer Welle aus den Heimatpubs nach Nordamerika reisen. Die Atmosphäre im Stadion wird bei jedem Spiel Schottlands eine Rolle spielen, auch im Duell mit Brasilien. Die Selecao hat in ihrer Geschichte gegen Schottland eine positive Bilanz, aber nichts davon ist eine Garantie.
Haiti ist der Underdog der Gruppe und der WM-Debütant der jüngeren Geschichte. Die Mannschaft hat sich über die CONCACAF-Qualifikation gegen die Erwartungen durchgesetzt und reist als Mannschaft an, die den Moment geniessen will. Sportlich ist die Aufgabe gegen Brasilien chancenlos, aber moralisch ist es die Begegnung, in der die Selecao die Disziplin nicht verlieren darf.
Outright-Quoten auf den Titel
Die Quoten auf Brasilien als Weltmeister 2026 liegen bei den europäischen Buchmachern im Bereich von 5.50 bis 7.50. Das ist die Quote für eine Mannschaft, die zu den drei oder vier klaren Topfavoriten gehört, ohne der Toptipp zu sein. Frankreich, England und Spanien werden zur Zeit mit ähnlichen oder leicht tieferen Quoten gehandelt, Argentinien als Titelverteidiger ebenfalls. Die Marktbewertung der Selecao reflektiert eine reale Halbfinal-Wahrscheinlichkeit zwischen 35 und 45 Prozent.
Auf den Gruppensieg in Gruppe C liegt die Quote bei 1.30 bis 1.45, was einer impliziten Wahrscheinlichkeit von rund 70 bis 77 Prozent entspricht. Das ist hoch, aber nicht so hoch, wie es bei Brasilien in früheren Turnieren oft der Fall war. Der Markt rechnet realistisch mit einem klaren Sieg gegen Haiti, einem soliden Sieg gegen Schottland und einem engen Spiel gegen Marokko.
Auf das Erreichen des Halbfinals liegt die Quote bei rund 2.20, auf das Erreichen des Finals bei rund 3.50. Diese Zahlen sind aus meiner Sicht fair, weil sie die Stärke der Selecao genauso abbilden wie die Konkurrenz mit Spanien, Frankreich und England, die in einer K.-o.-Situation jeden Topfavoriten schlagen können. Wer eine ausführliche Erklärung der Outright-Marktdynamiken sucht, findet sie in unserem Pillar zu Quoten und Wettarten zur WM 2026.
Taktische Linien der Selecao
Die taktische Identität der Selecao hat sich unter dem neuen Trainer in den letzten 18 Monaten verändert. Die Grundordnung ist heute meistens ein 4-2-3-1 mit klaren Aufgaben für jeden einzelnen Spieler. Vinicius bleibt links breit, Rodrygo rechts mit der Freiheit, ins Zentrum zu wandern. Im Sturmzentrum agiert ein klassischer Mittelstürmer, oft Endrick oder ein erfahrener Stürmer, der Bälle festmacht.
Hinter der Offensivreihe spielt ein Zehner mit Bindung zwischen Mittelfeld und Angriff. Diese Position ist die taktische Schaltstelle, weil sie die Verbindung zwischen Casemiro und den Aussenstürmern herstellt. Die Aussenverteidiger schieben hoch, wenn die Selecao das Spiel macht, und verteidigen tief, wenn der Gegner kontert. Diese Flexibilität ist für eine Mannschaft mit so vielen offensiven Stars wie Brasilien essenziell, weil sie verhindert, dass die Defensivstruktur bei Ballverlusten zerbricht.
Was diese Selecao von früheren Versionen unterscheidet, ist die Disziplin in der Defensivarbeit. Vinicius und Rodrygo arbeiten heute deutlich weiter zurück als noch vor zwei Jahren. Diese Anpassung ist der Grund, weshalb die Selecao in der zweiten Hälfte der Qualifikation deutlich weniger Gegentore kassierte als in der ersten Hälfte. In einem K.-o.-Turnier ist diese Defensivarbeit der entscheidende Unterschied zwischen einem Viertelfinal-Aus und einem Halbfinaleinzug.
Die Hitze, die Stadien und die Reisebelastung
Eine WM in drei Ländern mit 16 Stadien bedeutet für jede Mannschaft eine logistische Herausforderung, die grösser ist als alles, was die Topnationen in den letzten zwei Jahrzehnten erlebt haben. Brasilien wird seine Gruppenspiele an drei unterschiedlichen Spielorten austragen, mit Flugzeiten zwischen zwei und fünf Stunden, mit Klimazonen von der Westküste bis zur Ostküste, und mit Stadien, die in der Nachmittagssonne Innenraumtemperaturen über 35 Grad erreichen können.
Der Trainer und sein medizinischer Stab haben in der Vorbereitung mehrere Analysen zur Hitzebelastung durchgeführt. Die Lehre: die Mannschaft muss ihre Intensität in der ersten Halbzeit dosiert einsetzen und darf nicht versuchen, jedes Spiel über volle 90 Minuten auf höchstem Tempo zu spielen. Brasilien ist körperlich nicht schlechter aufgestellt als europäische Topmannschaften, aber der Unterschied zwischen einem Spiel bei 20 Grad in Vancouver und einem Spiel bei 33 Grad in Dallas ist statistisch messbar.
Ein weiterer Faktor ist die Akklimatisierung. Die Selecao reist bereits zwei Wochen vor dem Turnierstart an und absolviert Testspiele in den USA. Diese Vorlaufzeit gibt der Mannschaft die Möglichkeit, sich an Klima, Zeitzonen und Rasenqualität zu gewöhnen. Mehrere der WM-Stadien haben im NFL-Betrieb Kunstrasen, der für die WM auf Naturrasen umgestellt wird, was die Spieler in der Trainingswoche testen müssen.
Brasilien an Weltmeisterschaften: ein historischer Blick
Brasilien hat fünf Weltmeistertitel auf dem Konto: 1958, 1962, 1970, 1994 und 2002. Keine andere Nation hat häufiger gewonnen. Die Selecao ist die einzige Mannschaft, die an jeder einzelnen Weltmeisterschaft seit 1930 teilgenommen hat. Diese historische Bilanz ist Teil der Identität Brasiliens und gleichzeitig eine permanente Last, weil jedes Aus vor dem Final als Enttäuschung interpretiert wird.
Die letzten beiden Turniere endeten enttäuschend. 2018 in Russland scheiterte Brasilien im Viertelfinal an Belgien, 2022 in Katar im Viertelfinal gegen Kroatien im Penaltyschiessen. Beide Niederlagen waren Spiele, in denen die Selecao auf dem Papier Favorit war und in denen die Tagesform und die nervliche Stabilität nicht ausreichten. Genau diese Erfahrung ist es, die der neue Trainer in der Vorbereitung auf 2026 adressieren muss.
Was 2026 anders sein könnte: das Format mit 48 Mannschaften bedeutet ein zusätzliches Spiel im Sechzehntelfinale, was theoretisch die Wahrscheinlichkeit von Überraschungen erhöht. Andererseits gibt es vor dem Viertelfinal eine zusätzliche Runde, in der die Topmannschaften sich akklimatisieren können, ohne sofort gegen einen anderen Topfavoriten anzutreten. Für Brasilien bedeutet das einen sanfteren Einstieg in die K.-o.-Phase, was psychologisch hilft.
Die Tiefe des Kaders und die zweite Reihe
Wer nur Vinicius und Rodrygo sieht, übersieht, was diese Selecao strukturell stärker macht als die Versionen von 2018 und 2022. Auf fast jeder Position der Mannschaft gibt es eine zweite Besetzung, die in einer europäischen Topliga Stammspieler ist. Das ist der Luxus, den Mannschaften wie Deutschland oder die Niederlande aktuell nicht haben.
Im Tor kann Brasilien hinter Alisson auf Ederson zurückgreifen, den langjährigen Torhüter von Manchester City mit einer eigenen Titelsammlung. Zwei der besten Torhüter der Welt für eine Mannschaft zu haben, ist ein Luxus, den nur wenige Nationen leisten können. In der Innenverteidigung warten Gabriel und Lucas Beraldo als dritte und vierte Optionen, beide mit Einsätzen in der Champions League in der letzten Saison.
Im Mittelfeld ist die Lage ähnlich tief. Neben Casemiro und Bruno Guimarães steht André als junger Sechser bereit, der in der Premier League Erfahrungen sammelt. Joelinton bringt Physis und Kopfball für Situationen, in denen ein Standardtor das Spiel entscheiden muss. Auf den offensiven Aussenpositionen konkurrieren Raphinha, Antony und Savinho um die Minuten, die Vinicius und Rodrygo freimachen.
Im Sturmzentrum ist die Lage nach dem Rücktritt von Neymar spannender geworden. Endrick hat die Rolle des jungen Stürmers übernommen, aber ein erfahrener Stürmer als klassische Nummer neun wird in den K.-o.-Spielen gebraucht. Genau an dieser Position hat der Trainer in den letzten Monaten mehrere Kandidaten getestet, ohne sich endgültig festzulegen. Diese Flexibilität ist einerseits ein Zeichen von Tiefe, andererseits ein Zeichen von fehlender Hierarchie.
Was 2026 anders sein könnte: das Format mit 48 Mannschaften bedeutet ein zusätzliches Spiel im Sechzehntelfinale, was theoretisch die Wahrscheinlichkeit von Überraschungen erhöht. Andererseits gibt es vor dem Viertelfinal eine zusätzliche Runde, in der die Topmannschaften sich akklimatisieren können, ohne sofort gegen einen anderen Topfavoriten anzutreten. Für Brasilien bedeutet das einen sanfteren Einstieg in die K.-o.-Phase, was psychologisch hilft.
Ein weiterer historischer Faktor ist die WM-Statistik der letzten Turniere auf amerikanischem Boden. Bei der WM 1994 in den USA erreichte Brasilien den Titel. Bei der Copa America 2024, die ebenfalls in den USA stattfand, schied die Selecao im Viertelfinal aus, was in der brasilianischen Öffentlichkeit als Warnsignal interpretiert wurde. Das amerikanische Klima, die Rasenqualität und die Reisedistanzen sind für südamerikanische Mannschaften kein automatischer Vorteil, obwohl die geografische Nähe theoretisch Flugzeiten reduziert.
Interessant ist auch der Vergleich mit Argentinien, dem Titelverteidiger und direkten Rivalen. Argentinien holte 2022 den dritten Stern, Brasilien wartet seit 2002 auf den sechsten Titel. Die Generation um Vinicius und Rodrygo steht unter dem Druck, diese 24-jährige Durststrecke zu beenden, während die Mannschaft um Messi die Geschichte bereits geschrieben hat. Psychologisch ist das ein Unterschied, der sich in knappen Spielen auswirken kann.
Brasiliens Weg vom Gruppensieg bis zum Viertelfinal
Mein Basisszenario für Brasilien ist Gruppensieg in Gruppe C, dann ein Sechzehntelfinal-Sieg gegen einen Mittelklassegegner, dann ein Achtelfinal-Sieg gegen einen härteren Gegner, und im Viertelfinal ein offenes Spiel gegen eine andere europäische Topmannschaft. Mit etwas Glück geht dieses Spiel zugunsten der Selecao aus, womit der Halbfinaleinzug gesichert wäre.
Mein optimistisches Szenario: Brasilien wird zum sechsten Mal Weltmeister. Die Mannschaft findet ihren Rhythmus früh, Vinicius und Rodrygo treffen in jedem K.-o.-Spiel, Casemiro hält das Mittelfeld stabil, Alisson rettet im entscheidenden Moment. Mein pessimistisches Szenario: erneut ein Viertelfinal-Aus im Penaltyschiessen oder gegen einen Topfavoriten in einem offenen Spiel. Die Wiederholung der Geschichte von 2018 und 2022 wäre der schlimmste Albtraum für die brasilianische Öffentlichkeit.
Zwischen diesen beiden Polen liegt das wahrscheinlichste Szenario, und es heisst: Halbfinale. Eine Mannschaft der Qualität Brasiliens geht selten vor dem Viertelfinal aus, und die Konstellation des Turnierbaums lässt der Selecao bis ins Halbfinale einen machbaren Weg. Dort wartet dann eine der anderen Topmannschaften, und das Spiel wird zur Münze, deren Ausgang von der Tagesform, von Schiedsrichterentscheidungen und von einzelnen Momenten abhängt.
Was den Ausschlag geben wird, sind drei Faktoren. Erstens die Gesundheit von Vinicius, weil ohne ihn der offensive Plan zerfällt. Zweitens die Tagesform von Casemiro, weil ohne ihn das Mittelfeld nicht funktioniert. Drittens die Coaching-Entscheidungen in den letzten zwanzig Minuten der engen K.-o.-Spiele, in denen Brasilien historisch oft die richtige Lösung verpasst hat. Wenn diese drei Faktoren stimmen, ist Brasilien einer der zwei oder drei wahrscheinlichsten Weltmeister 2026.
Ein vierter, oft unterschätzter Faktor ist die Rolle der Schiedsrichter bei knappen Handspielen und Penalty-Entscheidungen. Brasilien profitiert in seinen Spielen seit Jahren überdurchschnittlich von Penalty-Entscheidungen, was mit der hohen Zahl an Dribblings von Vinicius und Rodrygo in den gegnerischen Strafräumen zusammenhängt. In K.-o.-Spielen kann eine einzige Penalty-Entscheidung über das Weiterkommen entscheiden, und die Selecao hat in dieser Kategorie statistisch einen kleinen, aber messbaren Vorteil.
