Deutschland an der WM 2026: Wiederaufbau einer Fussball-Nation
Sportvorhersagen
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Ich erinnere mich noch gut an den Sommer 2014. Mario Götze, Verlängerung gegen Argentinien, das Tor von der linken Seite, die Brust, der Volley, der vierte Stern. Zehn Jahre später war die DFB-Elf in einem Zustand, den kein deutscher Fussballfan für möglich gehalten hätte: zwei Vorrundenscheitern bei WM-Turnieren in Serie, eine Heim-EM ohne den erwarteten Durchmarsch, und eine Generation, die zwischen Enttäuschung und vorsichtiger Hoffnung pendelte. Bei Deutschland an der WM 2026 geht es nicht mehr um Titelverteidigung, sondern um Wiederaufbau. Und genau diese Rolle ist für eine Mannschaft mit so hoher historischer Erwartung die schwierigste.
Nach den Enttäuschungen von 2018, 2022 und der EM 2024
Die Bilanz der letzten drei Turniere ist für eine Nation mit vier Weltmeistertiteln ungewohnt bitter. 2018 in Russland schied Deutschland als Titelverteidiger in der Gruppenphase aus. Die Niederlage gegen Südkorea in Kasan war der Tiefpunkt, der das Ende einer Ära markierte. Vier Jahre später in Katar wiederholte sich das Vorrundenaus, diesmal nach dem 1:2 gegen Japan im ersten Spiel und einem knappen Weiterkommen-Szenario, das am letzten Spieltag scheiterte. Zwei Vorrundenscheitern in Serie hatte es in der Geschichte des DFB zuvor nie gegeben.
Die Heim-EM 2024 sollte der Neustart werden. Unter Trainer Julian Nagelsmann erreichte Deutschland das Viertelfinal und schied knapp gegen Spanien nach Verlängerung aus. Ein Tor in der letzten Minute der Verlängerung durch Mikel Merino beendete die Heimeuphorie. Sportlich war das Resultat akzeptabel, emotional eine weitere Enttäuschung, weil die Mannschaft gegen den späteren Europameister in einem Spiel verlor, das sie hätte gewinnen können.
Die Lehren aus diesen drei Turnieren sind in die Vorbereitung auf 2026 eingeflossen. Nagelsmann hat die Mannschaft in mehreren Bereichen umgebaut, mit mehr Tempo auf den Aussenpositionen, einer flexibleren Mittelfeldzentrale und einer jüngeren Durchschnittsaltersstruktur. Die Qualifikation für 2026 verlief entsprechend solide: ohne dominante Auftritte, aber auch ohne Ausrutscher, mit der klaren Identität einer Mannschaft, die auf dem Weg zurück an die Spitze ist, aber noch nicht dort angekommen.
Was diese Generation von den früheren unterscheidet, ist die Mischung aus erfahrenen Stammspielern und jungen Talenten. Joshua Kimmich ist weiterhin der Kapitän, Manuel Neuer im Tor die Konstante, Kai Havertz der offensive Eckpfeiler. Daneben aber stehen Florian Wirtz und Jamal Musiala als die zwei technisch begabtesten deutschen Spieler seit Jahren, ergänzt um Angreifer wie Niclas Füllkrug oder Serge Gnabry. Diese Kombination ist das Versprechen, das Nagelsmann in den USA und in Kanada und Mexiko einlösen muss.
Der Kader: Wirtz, Musiala, Kimmich, Havertz
Florian Wirtz ist der prägende Spieler dieser neuen Generation. Bei Bayer Leverkusen hat er seit seinem Durchbruch als Zehner konstant auf Topniveau gespielt, mit einer Assistquote, die in der Bundesliga ihresgleichen sucht. Wirtz ist kein klassischer Spielmacher, sondern ein moderner Angriffskreuzer, der zwischen den Linien agiert und der mit beiden Füssen präzise passt und abschliesst. Seine Rolle in der DFB-Elf ist die des zentralen offensiven Gestalters, und genau diese Rolle hat Deutschland seit dem Rücktritt von Toni Kroos nach der EM 2024 vermisst.
Jamal Musiala ist die zweite offensive Waffe und der vielleicht technisch begabteste deutsche Spieler, den die DFB-Elf seit einer Generation hervorgebracht hat. Bei Bayern München spielt er als Kreativspieler auf dem linken oder zentralen Offensivkorridor, mit einer Dribbelquote, die nur wenige Spieler der Welt erreichen. Musiala ist 22 Jahre alt, was bedeutet, dass die WM 2026 sein erstes Turnier auf dem absoluten Topniveau seiner Karriere sein wird. Bei der EM 2024 zeigte er phasenweise, was in ihm steckt, aber konstant war er noch nicht. Diese Konstanz wird er im Sommer 2026 finden müssen, wenn Deutschland weit kommen will.
Joshua Kimmich ist der Kapitän und der Routinier im Mittelfeld. Seine Rolle hat sich über die Jahre verändert: vom rechten Aussenverteidiger zum Sechser, dann wieder zurück, und schliesslich in eine hybride Rolle, in der er je nach Spielsituation sowohl die Defensivarbeit als auch die Spieleröffnung übernimmt. Kimmich ist nicht der Spieler, der ein Spiel allein entscheidet, aber er ist der Spieler, der ein Kollektiv über die gesamte Distanz trägt. An einer WM mit sieben möglichen Spielen in einem Monat ist diese Konstanz nicht zu ersetzen.
Was Kimmich in den letzten zwei Jahren weiterentwickelt hat, ist seine Ruhe unter Druck. Bei der EM 2024 war er in mehreren Schlüsselmomenten der Spieler, der das Tempo aus dem Spiel nahm, wenn die Mannschaft in Bedrängnis geriet. Diese Fähigkeit, das Spiel zu verlangsamen, ist an einer WM wertvoller als jedes spektakuläre Dribbling.
Kai Havertz ist die Offensivlösung, die in den letzten zwei Jahren eine spannende Entwicklung genommen hat. Bei Arsenal spielt er oft als zentraler Stürmer, was seinem Körperbau und seiner Technik besser entspricht als seine frühere Rolle als offensiver Mittelfeldspieler. Havertz trifft in der Premier League konstant und bringt zusätzlich eine Kopfballstärke mit, die Deutschland bei Standardsituationen zu einem wichtigen Faktor macht. Seine Rolle in Nagelsmanns System wird je nach Gegner variieren, aber seine Präsenz im Kader ist gesetzt.
Im Tor ist die Situation kompliziert. Manuel Neuer war jahrelang die unangefochtene Nummer eins, doch sein Alter und seine Verletzungshistorie werfen die Frage auf, ob er 2026 noch die Stammkraft sein kann. Marc-André ter Stegen ist die Alternative mit vergleichbarem Niveau, und der Konkurrenzkampf um die Nummer eins ist einer der spannendsten Themen in der Vorbereitung. Nagelsmann hat sich noch nicht definitiv festgelegt, und diese Offenheit ist taktisch ein kleiner Nachteil, weil ein Stammtorhüter für die Defensivorganisation eine psychologische Rolle spielt, die nicht unterschätzt werden darf.
In der Abwehr sind Antonio Rüdiger und Jonathan Tah die Stammpaarung im Zentrum. Rüdiger bringt die Erfahrung aus Madrid, Tah die Konstanz aus Leverkusen. Auf den Aussenverteidigerpositionen konkurrieren mehrere Spieler um die Plätze, mit Joshua Kimmich als Joker-Option rechts und David Raum links als aktuell gesetzter Stammkraft.
Die Tiefe des Kaders und die jüngere Generation
Was Deutschland in den Quoten unterbewertet erscheinen lässt, ist die Tiefe in bestimmten Mannschaftsteilen. Im offensiven Mittelfeld gibt es neben Wirtz und Musiala weitere Spieler, die in europäischen Topligen konstant spielen. Leroy Sané bringt Tempo auf dem Flügel und eine Torquote, die in der Bundesliga stabil geblieben ist. Serge Gnabry ist der Routinier, der in wichtigen Spielen Tore erzielt. Leon Goretzka bietet physische Präsenz im zentralen Mittelfeld, auch wenn seine Rolle sich verändert hat.
Die jüngere Generation hinter Wirtz und Musiala ist vielversprechend. Aleksandar Pavlović bei Bayern München ist der Nachfolger von Kimmich im defensiven Mittelfeld und hat in der letzten Saison seinen Durchbruch gefeiert. Angelo Stiller bei Stuttgart bringt Spielverständnis und Passqualität. Karim Adeyemi und Florian Wirtz selbst sind die Spieler, die die Generation prägen werden, die ab 2026 eine neue Ära einläuten soll. Nagelsmann hat in seinen Nominierungen bewusst Platz für jüngere Spieler gelassen, um die Mannschaft über den Zyklus bis 2030 aufzubauen.
Im Sturmzentrum ist die Lage problematischer. Niclas Füllkrug ist der klassische Mittelstürmer, der bei der EM 2024 wichtige Tore erzielte, aber sein Alter und sein Vereinswechsel haben die Konstanz beeinträchtigt. Deniz Undav bei Stuttgart ist die Alternative mit weniger internationalem Hintergrund. Maximilian Beier, der junge Stürmer aus Dortmund, ist die Wildcard, die in der Gruppenphase zum Einsatz kommen könnte. Diese Lage im Sturmzentrum ist eine Schwäche, die gegen Topmannschaften in engen Spielen teuer werden kann.
Gruppe E: Côte d’Ivoire, Ecuador, Curaçao
Die Auslosung war für Deutschland freundlich. In Gruppe E wartet mit der Elfenbeinküste der afrikanische Meister als stärkster Gegner, dazu Ecuador als südamerikanische Mittelmacht und Curaçao als karibischer WM-Debütant. Keine der drei Mannschaften ist ein Topfavorit, und die Gruppe gilt als eine der offensten des Turniers in dem Sinne, dass der Gruppensieger hier klar Deutschland heissen sollte und der Kampf um Platz zwei zwischen den anderen drei Teams spannend werden wird.
Die Elfenbeinküste ist der amtierende Afrikameister, nachdem die Mannschaft im eigenen Land Anfang 2024 den Titel gewann. Der Kader ist mit Spielern aus europäischen Topligen gespickt: Franck Kessié, Ibrahim Sangaré, Simon Adingra und Sébastien Haller als Stürmer sind die tragenden Figuren. Die Ivorer spielen physisch robust, technisch sauber und mit einer Pressing-Struktur, die gegen unorganisierte Gegner gefährlich ist. Für Deutschland wird das Spiel gegen die Elfenbeinküste das anspruchsvollste der Gruppe, weil die Ivorer über die Aussenpositionen gefährliche Aktionen einleiten können.
Was die Elfenbeinküste für die DFB-Elf zu einer realen Herausforderung macht, ist die Kombination aus physischer Präsenz und technischer Qualität, die wenige afrikanische Mannschaften in dieser Dichte mitbringen. Adingra bei Brighton hat in der Premier League bewiesen, dass er in Eins-gegen-Eins-Situationen jeden Aussenverteidiger stehen lassen kann. Kessié hat bei Milan und im Nahen Osten sein Niveau gehalten. Haller ist nach seiner Krebserkrankung zurückgekehrt und hat seine Torquote wieder gefunden. Diese Profile ergänzen sich zu einer Mannschaft, die einen Topfavoriten ernsthaft fordern kann.
Der Weg der Ivorer zum Afrikameister 2024 war dramatisch. Nach einer schweren Niederlage in der Gruppenphase und einem Trainerwechsel mitten im Turnier setzte sich die Mannschaft in der K.-o.-Phase gegen Senegal, Mali, die DR Kongo und Nigeria durch. Diese Comeback-Geschichte hat eine Generation geformt, die weiss, wie man unter Druck zurückkommt. Für Deutschland bedeutet das, dass die Elfenbeinküste mental stärker aufgestellt ist, als die reine Kaderanalyse vermuten lässt.
Ecuador ist eine Mannschaft mit einer stabilen Defensivstruktur und mit einzelnen Spielern, die in europäischen Topligen ihr Brot verdienen. Moisés Caicedo bei Chelsea ist der prägende Mittelfeldspieler, Enner Valencia der Routinier in der Offensive. Ecuador hat bei der WM 2022 in Katar einen respektablen Eindruck hinterlassen und die Gruppenphase knapp verpasst. Die Mannschaft ist kein Titelkandidat, aber sie ist ein Gegner, der in einem einzelnen Spiel jeder Topnation Punkte abnehmen kann.
Curaçao ist der Exot der Gruppe. Die karibische Insel hat sich erstmals für eine WM qualifiziert und bringt eine Mischung aus niederländischen Legionären und Spielern aus kleineren Ligen mit. Sportlich ist die Aufgabe gegen Deutschland chancenlos, aber die Atmosphäre rund um das Spiel wird besonders sein. Die Qualifikation Curaçaos war eine der grössten Überraschungen der WM-Auslosung, und die Mannschaft wird das Turnier mit der Einstellung geniessen, die nur ein Debütant hat.
Quoten auf Titel und Gruppensieg
Die Quoten auf Deutschland als Weltmeister 2026 liegen im Bereich von 11.0 bis 15.0. Das ist die Quote für eine Mannschaft, die nicht mehr zu den ersten drei oder vier Favoriten gehört, aber immer noch im Kreis der ernsthaften Halbfinalkandidaten platziert wird. Im direkten Vergleich notiert Deutschland oft höher als Brasilien, Frankreich, Spanien und Argentinien, auf Augenhöhe mit den Niederlanden und Portugal.
Auf den Gruppensieg in Gruppe E liegt die Quote bei 1.35 bis 1.55, was einer impliziten Wahrscheinlichkeit von etwa 65 bis 74 Prozent entspricht. Diese Quote ist hoch, aber nicht so hoch, wie sie bei einer Topmannschaft in einer vergleichbaren Gruppe sein müsste. Der Grund liegt in der Stärke der Elfenbeinküste, die als potenzielle Stolperfalle gehandelt wird.
Auf das Erreichen des Halbfinals liegt Deutschland bei rund 3.50, auf das Finale bei 6.00. Diese Zahlen sind aus meiner Sicht fair, weil sie die Stärke der Mannschaft realistisch abbilden. Wer mit diesen Quoten arbeiten will, findet im Pillar zu Quoten und Wettarten zur WM 2026 die nötigen methodischen Grundlagen für die Bewertung von Outright-Wetten.
Ein interessanter Markt ist die Quote auf den Torschützenkönig der WM. Kein deutscher Spieler wird hier in den ersten zehn Plätzen gehandelt, was die aktuelle Unsicherheit um die Stürmerposition reflektiert. Für Havertz liegt die Quote im dreistelligen Bereich, für Wirtz ebenso. Das ist ein Hinweis darauf, dass der Markt Deutschland nicht als Mannschaft sieht, die über eine einzelne offensive Waffe das Turnier dominiert, sondern als Kollektiv mit verteilten Torschützen.
Die WM-Qualifikation im Detail
Die UEFA-Qualifikation verlief für Deutschland ohne grosse Dramen, aber auch ohne die Dominanz, die früher selbstverständlich war. Die Mannschaft gewann die meisten Spiele mit knappen Ergebnissen und brauchte bis zum vorletzten Spieltag, um die direkte Qualifikation rechnerisch abzusichern. Diese Beobachtung sagt viel über den aktuellen Zustand der DFB-Elf: sie ist nicht mehr die Mannschaft, die Gegner aus der zweiten Reihe mit Autorität deklassiert, aber sie ist stabil genug, um ihre Aufgaben zu erledigen.
Statistisch bemerkenswert war die Torausbeute. Deutschland schoss in der Qualifikation durchschnittlich zwei Tore pro Spiel, was für eine Topnation der erwartete Wert ist. Gleichzeitig kassierte die Mannschaft aber fast ein Gegentor pro Spiel, was deutlich mehr ist als bei Frankreich, Spanien oder England im gleichen Zeitraum. Diese defensive Schwäche ist die Baustelle, die Nagelsmann in der unmittelbaren Turniervorbereitung angehen muss.
Auffällig war auch, dass Deutschland gegen tief stehende Gegner öfter ins Stolpern kam als gegen gleichwertige Teams. Gegen zwei kleinere Nationen verlor die Mannschaft Punkte, die sie in der Vergangenheit automatisch mitgenommen hätte. Diese Schwäche gegen defensive Blöcke ist eine taktische Herausforderung, die Nagelsmann mit neuen Offensivvarianten zu lösen versucht, darunter mit mehr Breite durch die Aussenverteidiger und mit Musiala in einer freieren Rolle im Zentrum.
Die Taktik unter Julian Nagelsmann
Julian Nagelsmann ist einer der jüngsten Trainer in der Geschichte der DFB-Elf. Seine Herangehensweise ist systematisch, datenbasiert und taktisch flexibel. Die Grundordnung in den letzten Spielen war ein 4-2-3-1 oder ein 4-3-3, je nach Gegner. Wirtz spielt auf der Zehn oder als hängender Stürmer, Musiala links oder zentral, Kimmich als hybrider Sechser, Havertz entweder als Stürmer oder als zweiter Angreifer.
Was Nagelsmann in den letzten zwei Jahren verändert hat, ist die Pressing-Intensität. Die DFB-Elf unter Hansi Flick und unter Jogi Löw in seinen letzten Jahren spielte mit einem relativ passiven Mittelfeld, das den Gegner bis in die eigene Hälfte kommen liess. Nagelsmann presst hoch, zwingt den Gegner zu frühen langen Bällen und nutzt die technische Überlegenheit der deutschen Spieler in der Rückeroberungsphase. Diese Umstellung hat in mehreren Testspielen gut funktioniert, sie hat aber auch gezeigt, dass die Mannschaft gegen konternde Gegner Räume öffnet.
Ein Schlüsselelement seines Systems ist die Dynamik zwischen Wirtz und Musiala. Beide sind Spieler, die Bälle zwischen den Linien fordern und die mit dem Ball nach vorne gehen. Wenn beide gleichzeitig auf dem Platz stehen, muss das System eine klare Rollenverteilung vorsehen, damit sich die beiden nicht in die Quere kommen. Nagelsmann hat dieses Problem in der EM 2024 erkannt und in der Folge mehrere Varianten getestet, darunter Wirtz als echten Zehner und Musiala als halblinker Flügelspieler mit Einrückbewegung.
Ein weiterer Aspekt, der Nagelsmann von seinen Vorgängern unterscheidet, ist die Bereitschaft, mitten im Spiel das System zu ändern. Er wechselt nicht nur Spieler, sondern auch ganze Formationen, und er verlangt von seiner Mannschaft, dass sie zwischen einer Viererkette und einer Dreierkette fliessend wechseln kann. Diese Flexibilität hat ihm in der Bundesliga bei Hoffenheim, Leipzig und Bayern München den Ruf eines Taktikers eingebracht, der seinen Gegnern immer einen Schritt voraus ist. In einem WM-Turnier, in dem jeder Gegner eine andere Spielidee mitbringt, ist diese Flexibilität ein potenzieller Vorteil.
Deutschland an Weltmeisterschaften
Deutschland hat vier Weltmeistertitel auf dem Konto: 1954, 1974, 1990 und 2014. Dazu kommen zahlreiche zweite Plätze, dritte Plätze und weitere Halbfinal-Auftritte. In der historischen Bilanz der WM-Geschichte steht die DFB-Elf auf Platz zwei hinter Brasilien, und über Jahrzehnte galt sie als die zuverlässigste Mannschaft, die in jedem Turnier mindestens das Halbfinale erreichte.
Das Wunder von Bern 1954 war der Grundstein des modernen deutschen Fussballs. Der Titel 1974 im eigenen Land unter Kapitän Franz Beckenbauer war die Krönung einer Generation, die auch bei der EM 1972 dominiert hatte. 1990 in Italien schlug die Mannschaft um Lothar Matthäus und Rudi Völler im Final Argentinien 1:0. Der letzte Titel 2014 in Brasilien war das Ende eines Generationszyklus, der mit dem 7:1 im Halbfinal gegen den Gastgeber sein ikonisches Bild fand.
Die Enttäuschungen seit 2014 sind in der deutschen Fussballkultur noch nicht vollständig verarbeitet. Das Vorrundenaus 2018 und 2022, das Viertelfinalaus 2024, die Suche nach einem neuen Trainer nach Jogi Löw und Hansi Flick, die Debatte um das richtige System und die richtigen Spieler. Die DFB-Elf an der WM 2026 tritt an, um diese Durststrecke zu beenden, ohne zu vergessen, dass die Zeiten, in denen Deutschland automatisch ins Halbfinale kam, vorbei sind.
Bemerkenswert ist der Vergleich mit der spanischen Entwicklung. Spanien durchlebte nach dem Titel 2010 eine ähnliche Krise mit mehreren enttäuschenden Turnieren, bevor die Generation um Rodri, Pedri und Yamal die Mannschaft zurück an die Spitze führte. Deutschland hofft auf einen ähnlichen Zyklus mit Wirtz, Musiala und der jüngeren Generation. Der Unterschied: Spaniens Wiederaufbau dauerte rund zehn Jahre, und Deutschland ist mitten in dieser Phase. Die Frage ist, ob die WM 2026 bereits der Moment des Durchbruchs oder nur ein weiterer Schritt auf einem längeren Weg wird.
Die Logistik und die physische Vorbereitung auf Nordamerika
Ein Aspekt, der in den öffentlichen Analysen oft untergeht, ist die physische Vorbereitung auf die Bedingungen in den USA und Kanada. Deutschland wird seine Gruppenspiele in Stadien absolvieren, in denen die Juni-Temperaturen zwischen 25 und 33 Grad liegen können. Für Spieler aus der Bundesliga, die ihre Saison zuvor bei mitteleuropäischen Temperaturen beendet haben, ist das eine Umstellung, die körperlich anspruchsvoll ist.
Der medizinische Stab der DFB-Elf hat in der Vorbereitung mehrere Massnahmen ergriffen. Dazu gehört ein Trainingslager in einer wärmeren Region vor der Abreise, ein Ernährungsplan, der an die Hitzebelastung angepasst ist, und Ersatzspieler, die gezielt für kurze, intensive Einsätze in den Schlussphasen vorbereitet werden. Diese logistische Arbeit ist in den Quoten nicht abgebildet, aber sie kann in einem Turnier mit vielen engen Spielen den Unterschied machen.
Die Reisedistanzen sind ein zweiter Faktor. Die drei Gruppenspielorte Deutschlands liegen in unterschiedlichen Regionen Nordamerikas, was Flugzeiten zwischen zwei und vier Stunden bedeutet. Jeder dieser Flüge ist eine zusätzliche Belastung für die Spieler, und die Regeneration zwischen den Spielen wird entsprechend eng. Nagelsmann hat in seinen Pressekonferenzen mehrfach betont, dass die Rotation des Kaders in der Gruppenphase wichtiger sein wird als in früheren Turnieren.
Wiederaufbau auf dem Prüfstand — Deutschlands Szenarien
Mein Basisszenario für Deutschland ist Gruppensieg in Gruppe E, dann ein Sechzehntelfinal-Sieg gegen einen Mittelklassegegner, dann ein Achtelfinal gegen einen stärkeren Gegner, in dem das Turnier je nach Tagesform entweder weitergeht oder endet. Ein Viertelfinaleinzug ist realistisch, ein Halbfinaleinzug ist möglich, aber nicht wahrscheinlich.
Mein optimistisches Szenario: Wirtz und Musiala finden im Turnier zu ihrem besten Fussball, Havertz trifft in den K.-o.-Spielen, Nagelsmann trifft die richtigen Entscheidungen an der Seitenlinie, und Deutschland steht erstmals seit 2014 wieder in einem WM-Halbfinal. Eine Rückkehr ins Finale wäre die Überraschung des Turniers, aber sie ist nicht ganz ausgeschlossen. Mein pessimistisches Szenario: ein Stolpern in der Gruppenphase gegen die Elfenbeinküste, ein Platz zwei mit einem schweren Achtelfinal-Gegner, und ein frühes Aus, das die deutsche Öffentlichkeit zurück in die Depression der letzten Jahre stürzen würde.
Zwischen diesen beiden Polen liegt das wahrscheinlichste Szenario: ein solider Gruppensieg, ein überzeugender Sieg im Sechzehntelfinal, ein enges Achtelfinal gegen einen Topgegner, und dort endet die Reise knapp. Das wäre kein Triumph, aber ein Zeichen, dass der Wiederaufbau funktioniert und dass die Generation um Wirtz, Musiala und Pavlović bis zur EM 2028 und zur WM 2030 weiter wachsen kann. Viele deutsche Fans würden einen solchen Turnierverlauf nach den letzten Jahren akzeptieren.
Was den Ausschlag geben wird, sind drei Faktoren. Erstens die Fitness von Musiala, weil er der Schlüsselspieler im offensiven Übergangsspiel ist. Zweitens die Tagesform von Kimmich, weil das Mittelfeld ohne seine Organisation zusammenfällt. Drittens die Coaching-Entscheidungen von Nagelsmann in den engen Spielen der K.-o.-Phase. Wenn diese drei Faktoren stimmen, kann Deutschland das Halbfinal erreichen. Wenn einer wackelt, endet das Turnier im Viertelfinal oder früher.
Ein vierter Faktor ist die mentale Stabilität der Mannschaft nach dem möglichen ersten Rückschlag. Deutschland hat in den letzten drei Turnieren mehrfach erlebt, dass ein einziges verlorenes Spiel die gesamte Mannschaftsdynamik kippen kann. In Russland 2018 war es die Niederlage gegen Mexiko im ersten Spiel, in Katar 2022 die Niederlage gegen Japan. Bei der EM 2024 ging das Turnier immerhin ins Viertelfinale, aber die mentale Last jeder knappen Situation war in den Spielen spürbar. 2026 muss die Mannschaft lernen, mit Rückschlägen umzugehen, ohne die Identität zu verlieren.
Für eine breitere Einordnung der deutschen Chancen im Vergleich zu den anderen europäischen Topfavoriten siehe unsere Übersicht der 48 Nationalmannschaften der WM 2026.
Ein vierter Faktor, der in den deutschen Medien selten offen diskutiert wird, ist die mentale Belastung durch die Erwartungshaltung. Die DFB-Elf spielt nicht nur gegen ihre Gegner, sondern auch gegen die Geschichte der letzten drei Turniere und gegen die Kritik einer Öffentlichkeit, die nach zwei Vorrundenscheitern wenig Geduld mit Rückschlägen hat. Eine Niederlage im ersten Gruppenspiel könnte die Mannschaft in einen Abwärtsstrudel ziehen, der schwer zu stoppen wäre. Ein klarer Auftaktsieg dagegen würde die Stimmung drehen und der Mannschaft jene Leichtigkeit zurückbringen, die sie in den letzten Turnieren vermisst hat.
Für eine direkte Einordnung der deutschen Chancen im Vergleich zu anderen Mitfavoriten verweise ich auf den Artikel zur Weltmeister-Prognose 2026, in dem die Quoten der Topkandidaten gegenübergestellt werden.
