Portugal an der WM 2026: Ronaldos letzte WM?
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Cristiano Ronaldo wird im Februar 2026 vierzig Jahre alt. Vierzig. Ein Alter, in dem die meisten Profis seit Jahren in Pension sind, ihr Geld in Restaurants stecken oder als TV-Experten Spiele kommentieren. Ronaldo dagegen reist im Sommer 2026 voraussichtlich zu seiner sechsten Weltmeisterschaft, ein Rekord, den vor ihm kein Spieler in der WM-Geschichte erreicht hat. Bei Portugal an der WM 2026 ist er nicht mehr die unangefochtene Hauptfigur, aber er ist immer noch der Spieler, an dem sich jede Erzählung über die Mannschaft orientieren muss. Ich erzähle hier, warum dieses Turnier mehr ist als ein Abschiedsspiel.
Ronaldos potenziell letzte WM
Es gibt im Weltfussball wenige biografische Bögen, die so symbolträchtig sind wie der von Ronaldo. Vom siebzehnjährigen Talent bei Sporting Lissabon zum Weltstar bei Manchester United, dann zu Real Madrid mit fünf Champions-League-Titeln, dann zu Juventus, dann zurück nach Manchester, und schliesslich zu Al-Nassr in Saudi-Arabien, wo er sich noch immer als Stammspieler beweist. Bei jedem dieser Schritte hatte die Öffentlichkeit gesagt, das sei das Ende. Und bei jedem Schritt hat er bewiesen, dass das Ende noch nicht erreicht ist.
Die WM 2026 wird voraussichtlich seine sechste Teilnahme sein, was ein Rekord wäre. Vor ihm haben Antonio Carbajal, Lothar Matthäus und Andrés Guardado jeweils fünf WM-Turniere bestritten. Sechs WM-Teilnahmen wären ein historischer Eintrag, der unabhängig vom sportlichen Resultat in den Statistiken einen Platz finden würde. Ronaldo selbst hat in Interviews mehrfach angedeutet, dass die WM 2026 seine letzte sein könnte, ohne sich definitiv festzulegen.
Was Ronaldo bei Al-Nassr in der saudi-arabischen Pro League leistet, ist sportlich nicht mit dem Niveau der La Liga oder der Premier League zu vergleichen. Er erzielt weiterhin viele Tore, aber gegen ein Niveau, das deutlich tiefer liegt als bei seinen früheren Stationen. Diese Diskrepanz wirft die Frage auf, ob er körperlich und technisch noch in der Lage ist, in einer WM mit sieben möglichen Spielen gegen die besten Mannschaften der Welt zu bestehen. Trainer Roberto Martínez muss diese Frage in der Vorbereitung beantworten und Ronaldo eine Rolle zuweisen, die seine Stärken nutzt, ohne seine Schwächen zu exponieren.
In den letzten Länderspielen hat Ronaldo gezeigt, dass er weiterhin Tore erzielen kann, vor allem bei Standardsituationen und in Strafraumaktionen. Was er nicht mehr kann, ist über neunzig Minuten ein Spiel mit hoher Pressing-Intensität bestreiten. Genau diese Anpassung ist die Aufgabe von Martínez: Ronaldo als Stürmer einzusetzen, der seine Energie auf die wichtigen Momente konzentriert und der die laufintensive Defensivarbeit den jüngeren Spielern überlässt.
Der Kader: Bernardo Silva, Leão, Bruno Fernandes
Neben Ronaldo hat Portugal eine zweite Generation, die längst auf Topniveau spielt. Bernardo Silva ist die zentrale kreative Figur. Bei Manchester City spielt er seit Jahren in einem System, das seine Spielintelligenz und seine technische Sauberkeit perfekt nutzt. Silva ist nicht der spektakuläre Spieler, sondern der Spieler, der jedes Spiel mit kleinen, präzisen Aktionen kontrolliert. In der Nationalmannschaft hat er die Rolle, die früher Luis Figo und Deco innehatten: die Schaltzentrale, an der jede offensive Aktion vorbeiläuft.
Rafael Leão ist die offensive Hauptwaffe der jungen Generation. Bei AC Mailand hat er sich zu einem der dribbelstärksten Flügelspieler der Welt entwickelt. Sein Tempo auf der linken Aussenbahn ist ein strukturelles Problem für jede Innenverteidigung, und seine Fähigkeit, sowohl als Torschütze als auch als Vorbereiter zu wirken, macht ihn zu einer Doppelbedrohung. Leão ist der Spieler, der in der Generation nach Ronaldo die Erwartung tragen wird.
Bruno Fernandes ist der Achter mit Tor- und Vorbereitungsqualität. Bei Manchester United gehört er seit Jahren zu den konstantesten Mittelfeldspielern der Premier League, mit einer Statistik, die ihn zu einem der wichtigsten Vorlagengeber des Welt-Fussballs macht. In Portugals System wird er als Achter mit offensiver Freiheit eingesetzt, eine Rolle, die seine Stärken in der letzten Drittel optimal zur Geltung bringt.
In der Defensive sind Rúben Dias und Pepe das Stammpaar. Pepe wird bei der WM 2026 voraussichtlich 43 Jahre alt sein, was ihn zum ältesten Feldspieler der Turniergeschichte machen würde. Seine Erfahrung und seine Zweikampfstärke sind weiterhin auf hohem Niveau. Dias als jüngerer Partner bringt das Profil eines modernen Innenverteidigers mit Aufbauqualität. Im Tor ist Diogo Costa der etablierte Stammtorhüter, mit Erfahrung aus mehreren grossen Turnieren.
Im Mittelfeld stehen neben Bernardo Silva und Bruno Fernandes mehrere Spieler bereit, darunter João Palhinha als defensiver Sechser, Vitinha von Paris Saint-Germain als zentraler Mittelfeldspieler und der junge João Neves, ebenfalls von PSG, der zu den vielversprechendsten Talenten Europas gehört. Diese Mittelfeldtiefe ist es, was Portugal in den letzten Jahren von einer guten zu einer sehr guten Mannschaft gemacht hat.
Gruppe K: Kolumbien, Usbekistan, DR Kongo
Die Auslosung war für Portugal machbar, aber nicht trivial. In Gruppe K wartet mit Kolumbien der nominell stärkste Gegner, eine südamerikanische Mannschaft mit einer langen Fussballtradition und mit Spielern wie Luis Díaz von Liverpool und James Rodríguez als kreativen Köpfen. Dazu kommen Usbekistan als asiatischer Vertreter und die Demokratische Republik Kongo als afrikanischer Gegner.
Kolumbien hat sich in der CONMEBOL-Qualifikation als eine der konstantesten Mannschaften Südamerikas etabliert. Der Kader bringt mehrere Spieler aus europäischen Topligen mit, und die taktische Ausrichtung unter dem aktuellen Trainer ist offensiv geprägt. Bei der Copa America 2024 erreichte Kolumbien das Finale und verlor erst gegen Argentinien nach Verlängerung. Diese Erfahrung mit grossen Turnieren macht Kolumbien zur Mannschaft, die Portugal in der Gruppenphase am meisten Punkte abnehmen kann.
Usbekistan ist der WM-Debütant der Gruppe und die Mannschaft, die in der asiatischen AFC-Qualifikation überraschend stark gespielt hatte. Die zentralasiatische Nation hat in den letzten Jahren in der Talentförderung investiert und reist mit einer Mischung aus heimischen Spielern und Profis aus den russischen und ukrainischen Ligen an. Sportlich ist die Aufgabe gegen Portugal anspruchsvoll, aber nicht unlösbar, weil Portugal gegen tief stehende Gegner historisch oft Mühe hat.
Die DR Kongo ist die afrikanische Mannschaft mit einer langen Tradition, die zwischen den 1970er-Jahren und heute mehrfach an grossen Turnieren teilgenommen hat. Der Kader bringt mehrere Spieler aus europäischen Mittelmacht-Ligen mit, darunter aus der französischen Ligue 1 und der belgischen Pro League. Gegen Portugal wird die DR Kongo das Spiel ähnlich angehen wie viele afrikanische Mannschaften gegen europäische Topnationen: defensiv organisiert, mit schnellen Kontern über die Aussenpositionen.
Quoten und Marktbewertung
Die Quoten auf Portugal als Weltmeister 2026 liegen im Bereich von 14.0 bis 20.0. Das ist die Quote für eine Mannschaft, die zu den Mitfavoriten der zweiten Reihe gehört, hinter den klaren Topfavoriten, aber im Kreis der ernsthaften Halbfinalkandidaten. Im direkten Vergleich notiert Portugal oft auf Augenhöhe mit Deutschland und der Niederlande.
Auf den Gruppensieg in Gruppe K liegt die Quote bei 1.55 bis 1.85, was einer impliziten Wahrscheinlichkeit von etwa 54 bis 65 Prozent entspricht. Die Konkurrenz mit Kolumbien drückt die Quote im Vergleich zu einem Topfavoriten in einer ähnlich besetzten Gruppe nach oben. Auf das Weiterkommen aus der Gruppe liegt die Quote bei rund 1.20, was einer Wahrscheinlichkeit von etwa 83 Prozent entspricht.
Auf das Erreichen des Viertelfinals liegt Portugal bei rund 2.80, auf das Halbfinal bei rund 5.50. Diese Zahlen reflektieren die Erwartung, dass die Mannschaft das Achtelfinal überlebt und im Viertelfinal voraussichtlich an einer Topnation scheitert. Wer die Methodik der Outright-Bewertung verstehen möchte, findet sie im Artikel zur Weltmeister-Prognose 2026.
Roberto Martínez und die taktische Linie
Roberto Martínez ist seit 2023 Trainer der portugiesischen Nationalmannschaft. Zuvor war er acht Jahre lang Trainer der belgischen goldenen Generation um Eden Hazard, Kevin De Bruyne und Romelu Lukaku, die er zu Halbfinaleinzügen bei der WM 2018 und der EM 2016 führte, ohne den ganz grossen Wurf zu schaffen. Martínez bringt damit Erfahrung mit Topspielern und mit den psychologischen Herausforderungen einer Generation mit hohen Erwartungen mit.
Die Grundordnung in den letzten Spielen war ein 4-3-3 mit klaren Aufgaben. Bernardo Silva als Achter mit kreativen Freiheiten, Bruno Fernandes als zweiter Achter, Vitinha als Sechser oder Achter je nach Gegner. Im Angriff Leão links, ein zweiter Aussenspieler rechts und Ronaldo im Sturmzentrum. Diese Formation ist die taktische Basis, aus der Martínez je nach Gegner anpasst.
Was Martínez in der Vorbereitung auf 2026 verbessern muss, ist die Pressing-Intensität. Portugal hat in der Qualifikation gegen einige tief stehende Gegner Mühe gehabt, das Spiel zu kontrollieren, weil Ronaldo als Stürmer nicht mehr in der Lage ist, die erste Pressing-Linie aktiv zu organisieren. Die Lösung könnte ein zweiter offensiver Spieler hinter Ronaldo sein, der den Pressing-Druck ergänzt, oder ein System ohne klassischen Mittelstürmer, in dem Ronaldo als hängender Stürmer agiert.
Die Saudi-Liga und die Frage der Wettbewerbshärte
Ein Aspekt, der bei Ronaldos Vorbereitung auf die WM 2026 zentral ist, betrifft die saudi-arabische Pro League. Seit seinem Wechsel zu Al-Nassr Ende 2022 spielt er Woche für Woche gegen Mannschaften, die im Schnitt etwa zwei bis drei Klassen unter den europäischen Topligen stehen. Diese Diskrepanz hat zwei Folgen. Erstens: er erzielt Tore mit einer Frequenz, die in Europa nicht möglich wäre. Zweitens: die Wettkampfintensität, die er Woche für Woche erlebt, ist deutlich tiefer als jene der Premier League oder der La Liga.
Was das für die WM bedeutet, ist offen. Ronaldo könnte in der WM-Vorbereitung in einem Leistungsstand sein, der ihn für Spiele auf Topniveau weniger fit erscheinen lässt, als seine Statistik aus Saudi-Arabien suggeriert. Oder er könnte die geringere Belastung als Vorteil nutzen, weil sein Körper im Sommer 2026 weniger verschlissen ist als jener von Spielern, die eine ganze Saison in einer europäischen Topliga absolviert haben. Beide Szenarien sind plausibel, und welches davon eintritt, wird sich erst in den ersten WM-Spielen zeigen.
Martínez hat in seinen Pressekonferenzen mehrfach betont, dass er Ronaldo als Stammspieler einplant, ohne ihn zur unverzichtbaren Hauptfigur zu machen. Diese Formulierung ist taktisch klug, weil sie der Mannschaft erlaubt, ohne ihn zu spielen, ohne dass die Öffentlichkeit von einem Bruch spricht. In der Praxis wird Ronaldo voraussichtlich in den Gruppenspielen rotieren und in den K.-o.-Spielen seine Hauptrolle erhalten.
Portugals WM-Historie
Portugal hat noch nie eine WM gewonnen. Die beste Bilanz war 1966 in England, als die Mannschaft um Eusébio den dritten Platz holte. Eusébio wurde damals Torschützenkönig des Turniers und gilt bis heute als der wichtigste portugiesische Spieler vor der Generation Ronaldo. Nach 1966 dauerte es bis 2006 in Deutschland, bevor Portugal wieder ein Halbfinal erreichte, dann unter Felipão und mit der goldenen Generation um Luís Figo und Cristiano Ronaldo in seinen ersten WM-Auftritten.
Der grosse Erfolg der modernen portugiesischen Mannschaft kam nicht bei einer WM, sondern bei der EM 2016 in Frankreich, als Portugal überraschend Europameister wurde. Im Final besiegte die Mannschaft den Gastgeber Frankreich, obwohl Ronaldo bereits in der ersten Halbzeit verletzt vom Platz musste. Dieses Spiel ist in der portugiesischen Erinnerung das wichtigste der jüngeren Geschichte.
Bei der WM 2018 in Russland und der WM 2022 in Katar erreichte Portugal jeweils nicht das Halbfinal. 2018 schied die Mannschaft im Achtelfinal gegen Uruguay aus, 2022 im Viertelfinal gegen Marokko, in einem Spiel, in dem Ronaldo als Bankoption begann und in dem die Mannschaft die historische Chance auf ein Halbfinal gegen einen vermeintlich schwächeren Gegner verpasste.
Ronaldos letzte WM — Portugals Szenarien
Mein Basisszenario für Portugal ist Gruppensieg in Gruppe K, dann ein Sechzehntelfinal-Sieg gegen einen Mittelklassegegner und ein Achtelfinal gegen einen stärkeren Gegner. Ein Viertelfinaleinzug ist realistisch, ein Halbfinaleinzug möglich, ein Titelgewinn unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen.
Mein optimistisches Szenario: Ronaldo erlebt seinen letzten grossen Moment auf der WM-Bühne, trifft in den entscheidenden Spielen, Bernardo Silva und Leão tragen die Mannschaft offensiv, und Portugal steht im Halbfinal oder sogar im Final. Mein pessimistisches Szenario: Ronaldo wird zur taktischen Last, die Mannschaft scheitert an der Frage, ob sie um ihn herum oder ohne ihn spielen soll, und das Turnier endet im Viertelfinal mit einer enttäuschenden Niederlage.
Was den Ausschlag geben wird, sind drei Faktoren. Erstens die Form und die Rolle von Ronaldo, weil sie die taktische Identität der Mannschaft prägen. Zweitens die Tagesform von Bernardo Silva und Bruno Fernandes, weil sie die kreative Achse des Mittelfelds bilden. Drittens die Coaching-Entscheidungen von Martínez in den engen Spielen, in denen ein Wechsel zur richtigen Zeit über Sieg oder Niederlage entscheiden kann.
