England an der WM 2026: das ewige Trauma vor dem Titel
Sportvorhersagen
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Es gibt einen Grund, weshalb ich über englische WM-Kampagnen jedes Mal mit gemischten Gefühlen schreibe. Der erste Eindruck ist immer der gleiche: ein tief besetzter Kader, technisch hochwertige Spieler in allen Mannschaftsteilen, eine Premier League voller englischer Stars. Der zweite Eindruck ist der Blick auf die Bilanz seit 1966: ein WM-Titel, zwei EM-Finals, unzählige Halbfinal- oder Viertelfinal-Pleiten. England an der WM 2026 ist die Mannschaft, die auf dem Papier seit Jahren Titelkandidat ist und in der Realität seit 1966 keinen mehr gewonnen hat.
Die Tuchel-Ära und ein neuer Trainerstab
Im Januar 2025 hat der englische Fussballverband FA eine Entscheidung getroffen, die niemand in Europa für möglich gehalten hatte: Thomas Tuchel wurde neuer Trainer der englischen Nationalmannschaft. Ein deutscher Trainer für die Three Lions, für die Mannschaft, deren Geschichte so eng mit dem Begriff der englischen Identität verwoben ist, dass die Entscheidung in den Boulevardblättern zunächst als Verrat interpretiert wurde. Doch Tuchel hatte genug Champions-League-Kredit auf dem Konto, um diesen Widerstand zu überstehen, und seine ersten Monate im Amt haben die Stimmung verändert.
Was Tuchel mitbringt, ist taktische Schärfe und ein systematisches Auge für Details. Seine Zeit bei Chelsea, bei Paris Saint-Germain und bei Bayern München hat ihm Erfahrung mit Topspielern, mit Topdruck und mit Topmomenten eingebracht. Er weiss, wie man eine Mannschaft in einem Finale führt, weil er mit Chelsea 2021 die Champions League gewonnen hat. Diese Erfahrung war bei seinen Vorgängern Gareth Southgate und Sam Allardyce in dieser Form nicht vorhanden.
Die Qualifikation unter Tuchel verlief solide, ohne dabei die Leistungen abzuliefern, die man von einer Topnation mit diesem Kader erwarten könnte. Einzelne Niederlagen gegen schwächere Gegner blieben zwar aus, aber die Testspiele zeigten eine Mannschaft, die ihre taktische Identität erst finden musste. Tuchel hat in den ersten Monaten mehrere Systeme ausprobiert, von einer Dreierkette über ein 4-2-3-1 bis zu einem 4-3-3, und die Spielerrollen entsprechend variiert.
Was mir in den Qualifikationsspielen auffiel, war die Reaktion der Stammspieler auf den Trainerwechsel. Harry Kane ist nach wie vor Kapitän und trifft weiterhin, Jude Bellingham hat seine offensive Rolle unter Tuchel minimal verändert, Declan Rice bleibt der Anker im Mittelfeld. Die Mannschaft ist bereit, Tuchels Ideen zu übernehmen, aber sie braucht die Zeit bis zum Turnierstart, um diese Ideen zur Routine werden zu lassen.
Die Tiefe des Premier-League-Kaders
Was England von fast jeder anderen Nation unterscheidet, ist die schiere Tiefe der zur Verfügung stehenden Premier-League-Spieler. Auf praktisch jeder Position gibt es zwei oder drei Spieler, die in der besten Liga der Welt zur Stammformation eines Topklubs gehören. Diese Tiefe ist ein struktureller Vorteil, den nur wenige andere Nationen in ähnlicher Form haben.
Im Mittelfeld neben Rice und Bellingham warten Cole Palmer von Chelsea, der in seiner ersten Vollsaison über zwanzig Tore und Assists in der Premier League erreichte, sowie der junge Kobbie Mainoo von Manchester United, der bei der EM 2024 einen starken Eindruck hinterlassen hatte. Adam Wharton von Crystal Palace ist die zusätzliche Achteroption mit Spielverständnis und Passqualität. Diese Mittelfeldtiefe erlaubt Tuchel, Wechsel vorzunehmen, ohne dass die Qualität sinkt.
Im offensiven Drittel ist die Lage ähnlich. Neben Saka, Foden und Kane stehen Anthony Gordon von Newcastle, Eberechi Eze von Crystal Palace und Ollie Watkins von Aston Villa als Wechseloptionen bereit. Watkins erzielte das entscheidende Tor im EM-Halbfinal 2024 gegen die Niederlande nach seiner Einwechslung in der 80. Minute, ein Beispiel dafür, wie wichtig die Bank in K.-o.-Spielen ist. Diese Tiefe ist es, die englische Mannschaften in den letzten Jahren so konstant in die spätesten Runden gebracht hat.
In der Abwehr und im Tor bietet England ebenfalls Optionen, die andere Nationen vermissen. Levi Colwill von Chelsea ist der junge Innenverteidiger, der bei einem Ausfall der Stammspieler ohne Qualitätsverlust einspringen kann. Trent Alexander-Arnold bringt offensive Kreativität auf der rechten Aussenverteidigerposition, falls Tuchel seine Spielidee in diese Richtung verändern möchte.
Bellingham, Kane, Saka, Foden
Jude Bellingham ist der prägende Spieler dieser englischen Generation. Bei Real Madrid hat er sich seit seinem Wechsel 2023 zu einem der besten Mittelfeldspieler der Welt entwickelt, mit einer Torquote, die für einen offensiven Achter aussergewöhnlich ist. Bellingham bringt Mentalität, Führung und technische Qualität in einer Kombination mit, die in England seit Generationen selten war. Seine Rolle unter Tuchel wird die einer zentralen Schaltstelle sein, die zwischen Mittelfeld und Angriff agiert und die in den entscheidenden Momenten selbst abschliesst.
Harry Kane ist der Kapitän und der prägende Stürmer. Bei Bayern München trifft er seit seinem Wechsel 2023 konstant über dreissig Tore pro Saison, und seine Form in der Bundesliga hat die Zweifel ausgeräumt, ob er im fortgeschrittenen Alter noch auf Topniveau bestehen kann. Kane ist nicht nur ein Torjäger, er ist auch einer der besten Spielgestalter unter den europäischen Mittelstürmern, mit einem Passspiel, das ihn vom reinen Strafraumstürmer zum hängenden Stürmer umgewandelt hat.
Bukayo Saka ist die offensive Waffe auf der rechten Aussenbahn. Bei Arsenal spielt er seit Jahren auf einem Niveau, das ihn zu einem der konstantesten Flügelspieler der Premier League macht. Saka kombiniert Dribbelstärke, Torgefahr und defensive Arbeit in einer Art, die in Tuchels System zur zentralen Waffe wird. Seine Rolle bei England ist die des Spielers, der in den engen Partien der K.-o.-Phase den entscheidenden Unterschied macht.
Phil Foden ist der vierte Eckpfeiler und der vielleicht vielseitigste Spieler des Kaders. Bei Manchester City hat er unter Pep Guardiola fast jede offensive Rolle gespielt, von der Zehn über den linken Flügel bis zur falschen Neun. Diese Vielseitigkeit ist für Tuchel ein taktisches Geschenk, weil sie erlaubt, das System je nach Gegner anzupassen, ohne die Rollenverteilung zu verändern. Foden war bei der EM 2024 zeitweise aus der Form gefallen, hat aber in der Saison danach seine beste Form wiedergefunden.
Im Mittelfeld ist Declan Rice der Anker. Bei Arsenal spielt er seit seinem Wechsel 2023 als zentraler Sechser und hat in der Premier League bewiesen, dass er ein Spiel allein kontrollieren kann. Neben ihm werden voraussichtlich je nach Gegner unterschiedliche Spieler eingesetzt, darunter Conor Gallagher, Adam Wharton oder der junge Kobbie Mainoo von Manchester United, der bei der EM 2024 einen starken Eindruck hinterlassen hatte.
In der Defensive ist John Stones der erfahrene Organisator, Marc Guéhi der junge Partner mit zweikampfstarkem Profil. Auf den Aussenverteidigerpositionen konkurrieren Kieran Trippier rechts und Luke Shaw links um die Stammplätze. Im Tor bleibt Jordan Pickford die sichere Wahl, auch wenn seine Fehlerquote in den letzten Jahren immer wieder Diskussionen auslöste.
Gruppe L: Ghana, Kroatien, Panama
Die Auslosung hat England eine Gruppe beschert, in der ein klarer Topfavorit fehlt. In Gruppe L warten mit Kroatien die erfahrene europäische Mittelmacht, mit Ghana das afrikanische Team mit den meisten WM-Teilnahmen seit 2006, und mit Panama der mittelamerikanische Aussenseiter. Keine der drei Mannschaften ist ein Halbfinalkandidat, aber Kroatien kann jedes Topteam schlagen.
Kroatien ist die Mannschaft, die bei der WM 2018 das Finale erreichte und bei der WM 2022 den dritten Platz holte. Trotz des Alters von Luka Modrić und einigen weiteren Routiniers hat die Vatreni weiterhin eine der besten Mittelfeldzentralen Europas. Die Qualifikation für 2026 war für Kroatien eine Bewährungsprobe, die sie knapp bestanden hat. Die Mannschaft ist im Übergang zu einer neuen Generation, und die WM 2026 wird das letzte grosse Turnier für einige der Routiniers sein. Das macht sie umso gefährlicher.
Ghana hat sich nach einer enttäuschenden WM 2022 neu aufgestellt. Die Black Stars haben eine Generation junger Spieler, die in europäischen Topligen spielen, darunter Mohammed Kudus, Thomas Partey und weitere. Die Mannschaft ist athletisch, schnell und technisch versiert. Gegen England ist Ghana eine Mannschaft, die zwar als Aussenseiter notiert wird, die aber in einem einzelnen Spiel für Überraschungen sorgen kann, wie schon bei früheren Weltmeisterschaften.
Panama ist der WM-Debütant der zweiten Teilnahme, nach 2018 in Russland. Die Qualifikation über die CONCACAF-Runden war für das kleine Land mit knapp vier Millionen Einwohnern eine grosse Leistung. Sportlich wird Panama gegen England klarer Aussenseiter sein, aber die Mannschaft reist mit der Motivation an, der Welt zu zeigen, dass die erste WM-Teilnahme kein Zufall war.
Outright-Quoten auf den WM-Titel
Die Quoten auf England als Weltmeister 2026 liegen im Bereich von 6.00 bis 8.50. Das ist die Quote für eine Mannschaft, die zu den vier oder fünf klaren Topfavoriten gehört, ohne der Toptipp zu sein. Im direkten Vergleich notiert England oft leicht höher als Frankreich und Spanien, auf Augenhöhe mit Brasilien und Argentinien. Der Grund für die leichte Zurückhaltung des Marktes liegt in der historischen Bilanz der Three Lions und in der Unsicherheit um die Effekte des Tuchel-Umbaus.
Auf den Gruppensieg in Gruppe L liegt die Quote bei 1.40 bis 1.60, was einer impliziten Wahrscheinlichkeit von rund 62 bis 71 Prozent entspricht. Die Quote ist relativ hoch, weil Kroatien als potenzieller Stolperstein bewertet wird. Auf das Weiterkommen aus der Gruppe liegt die Quote bei 1.10 oder tiefer, was fast eine statistische Sicherheit bedeutet.
Spannender sind die Quoten auf das Erreichen späterer Runden. Auf das Halbfinale liegt England bei rund 2.40, auf das Finale bei rund 3.80. Diese Zahlen sind aus meiner Sicht etwas konservativ, weil der englische Kader objektiv zu den drei oder vier besten der WM gehört. Der Markt setzt jedoch einen Malus für die mentale Geschichte der Three Lions an, und dieser Malus ist nicht ganz unberechtigt.
Die taktische Ausrichtung unter Tuchel
Tuchel hat in seiner Karriere vor allem mit drei Grundordnungen gearbeitet: einer Viererkette mit Dreierreihe im Mittelfeld, einer Dreierkette mit zwei Wingbacks, und einer Variante mit einem hängenden Stürmer hinter der Spitze. In seinen ersten Monaten bei England hat er alle drei Varianten getestet, und die Wahl für das Turnier wird erst in den Testspielen vor dem Turnierstart festgezurrt.
Was seine taktische Philosophie auszeichnet, ist die Flexibilität innerhalb eines Spiels. Tuchel wechselt oft zwischen einer offensiven und einer defensiven Grundordnung, je nachdem, ob seine Mannschaft in Führung geht oder in Rückstand gerät. Diese Flexibilität ist für England neu, weil Gareth Southgate in seiner Zeit als Trainer eine eher konservative Linie verfolgte, in der die Grundordnung über neunzig Minuten fast unverändert blieb. Die neue Bereitschaft, mitten im Spiel das System zu verändern, ist ein Bruch mit der englischen Trainertradition der letzten Jahre.
Ein Schlüsselelement von Tuchels System ist die Dynamik zwischen Bellingham und Kane. Beide brauchen Räume im Zentrum, und die Frage ist, wie diese Räume verteilt werden. Bei der EM 2024 unter Southgate war Bellingham zu oft auf halblinks gedrängt, wo er nicht seine beste Wirkung entfalten konnte. Tuchel hat in den Testspielen Bellingham deutlich zentraler eingesetzt, mit Kane als beweglichem Anker davor, und diese Rollenverteilung hat bisher besser funktioniert.
Ein Punkt, der in der englischen Presse viel diskutiert wurde, ist die Rolle der Jüngeren. Kobbie Mainoo von Manchester United, Adam Wharton von Crystal Palace und Jarell Quansah von Liverpool sind Spieler der Generation unter 22, die in den nächsten Zyklus reinwachsen sollen. Tuchel hat ihnen in den Qualifikationsspielen Einsatzminuten gegeben, ohne sie zu Stammspielern zu machen. Diese Balance zwischen Erfahrung und frischen Beinen ist in Turnieren oft der Schlüssel zum Erfolg.
Englands WM-Historie seit 1966
England hat genau einen Weltmeistertitel auf dem Konto: 1966 im eigenen Land. Der Final gegen Westdeutschland im Wembley-Stadion mit dem umstrittenen Wembley-Tor ist bis heute die grösste Trophäe der englischen Fussballgeschichte. Seit 1966 hat England keine Weltmeisterschaft mehr gewonnen, und die Jahre seither sind eine Aneinanderreihung von Enttäuschungen, Viertelfinal-Pleiten und gelegentlichen Halbfinal-Auftritten.
1990 in Italien erreichte England unter Bobby Robson das Halbfinale und verlor im Penaltyschiessen gegen Westdeutschland. Dieses Turnier ist in der englischen Erinnerung mit Paul Gascoignes Tränen verbunden und markierte den Beginn einer Serie von Penaltypleiten in grossen Turnieren. Bei der EM 1996 im eigenen Land verlor England erneut im Halbfinal gegen Deutschland im Penaltyschiessen. Bei der WM 1998 schied die Mannschaft im Achtelfinal gegen Argentinien aus, ebenfalls nach Elfmeterkrimi.
Die WM 2018 unter Gareth Southgate brachte einen Halbfinaleinzug und die Niederlage gegen Kroatien. Die EM 2020 endete mit dem verlorenen Finale gegen Italien im Wembley im Penaltyschiessen. Die WM 2022 endete im Viertelfinal gegen Frankreich, als Kane einen Elfmeter über das Tor schoss. Die EM 2024 endete mit dem verlorenen Finale gegen Spanien, eine weitere bittere Niederlage in einem Endspiel. Drei verlorene Finals in den letzten drei EM-Turnieren ist eine Bilanz, die in der englischen Presse als psychologische Barriere interpretiert wird.
Was 2026 anders sein könnte: die Rolle Tuchels als Trainer ohne englische Identität. Southgate war ein Nationaltrainer, der die Last der Geschichte spürte. Tuchel ist ein Pragmatiker, der die Geschichte als statistisches Phänomen betrachtet, nicht als emotionale Last. Diese Distanz kann in einem Penaltyschiessen den Unterschied machen, weil die Spieler die Last der Vergangenheit nicht vom Trainer übertragen bekommen.
Die Hitze und die Reisebelastung in Nordamerika
Ein Faktor, der bei englischen Mannschaften traditionell unterschätzt wird, ist die Anpassung an warme Bedingungen. Premier-League-Spieler sind eine Saison lang an mitteleuropäische bis kalte Temperaturen gewöhnt, und die Umstellung auf 30 Grad und mehr in den amerikanischen Stadien ist eine körperliche Herausforderung. Bei der WM 2014 in Brasilien hatte England unter ähnlichen Bedingungen sichtbare Probleme mit der Hitze gehabt, was zum überraschend frühen Vorrundenaus beitrug.
Tuchels Trainerstab hat in der Vorbereitung mehrere Massnahmen ergriffen, darunter ein Trainingslager in einer wärmeren Region vor der Abreise und eine angepasste Ernährungsplanung. Die Lehre aus 2014 ist in die Vorbereitung eingeflossen, und die Mannschaft soll diesmal körperlich besser auf die Bedingungen vorbereitet sein. Wie gut diese Vorbereitung wirklich greift, wird sich erst in den Gruppenspielen zeigen.
Die Reisedistanzen sind ein zweiter Faktor. Englands Gruppenspielorte liegen in unterschiedlichen Regionen Nordamerikas, mit Flugzeiten zwischen zwei und vier Stunden zwischen den Spielen. Die Regeneration zwischen den Partien wird entsprechend eng. Tuchel hat angekündigt, in der Gruppenphase intensiver zu rotieren als seine Vorgänger, um die Stammspieler für die K.-o.-Phase frisch zu halten.
Die Lehren aus der EM 2024
Die EM 2024 in Deutschland war für England eine bittere Erfahrung mit gemischten Lehren. Die Mannschaft erreichte zum zweiten Mal in Folge ein EM-Finale, verlor aber wieder gegen den nominell schwächer eingeschätzten Gegner Spanien. Das Tor durch Mikel Oyarzabal in der 86. Minute beendete die Hoffnung auf den ersten EM-Titel der englischen Geschichte und führte zur Diskussion, die letztlich Southgates Rücktritt einleitete.
Was die Mannschaft an dem Turnier auszeichnete, war die Defensive. England kassierte in sieben Spielen nur drei Gegentore, die wenigsten aller Mannschaften. Was fehlte, war die offensive Durchschlagskraft. Bellingham erzielte das wichtige 1:1 im Achtelfinal gegen die Slowakei in der Nachspielzeit, Watkins traf im Halbfinal gegen die Niederlande zum Ausgleich und später zum Sieg, aber insgesamt blieb die Mannschaft hinter ihren offensiven Möglichkeiten zurück.
Tuchel hat in seinen ersten Monaten genau diesen Mangel adressiert. In den Testspielen seiner Amtszeit erzielte England durchschnittlich mehr Tore pro Spiel als unter Southgate, und die Pressing-Intensität in den ersten Minuten ist sichtbar gestiegen. Diese Veränderung soll dazu führen, dass die Mannschaft 2026 nicht nur defensiv stabil ist, sondern auch offensiv die Spiele entscheidet, die unter Southgate oft im Penaltyschiessen endeten.
Das Penaltyschiessen-Trauma
Wer englische WM-Geschichte verstehen will, muss über das Penaltyschiessen sprechen. Seit 1990 hat England an grossen Turnieren mehrere Penaltyschiessen verloren, mehr als jede andere europäische Topnation in einem vergleichbaren Zeitraum. Die EM 1996 im eigenen Land, die WM 1998, die EM 2004, die WM 2006, die EM 2012 — alle endeten in Penaltyschiessen mit englischen Niederlagen. Erst 2018 unter Southgate gelang der erste WM-Sieg im Penaltyschiessen, gegen Kolumbien im Achtelfinal.
Diese Statistik ist kein Zufall. Sie hat psychologische Gründe, die in der englischen Fussballkultur tief verankert sind. Die Erwartung, im Penaltyschiessen zu verlieren, schafft eine selbsterfüllende Prophezeiung, die jeden Schützen unter zusätzlichen Druck setzt. Tuchel hat in mehreren Pressekonferenzen angekündigt, dass er an diesem Thema arbeiten will, mit gezielten Trainingseinheiten und mit psychologischer Vorbereitung. In der Realität wird sich erst in einem konkreten Penaltyschiessen zeigen, ob diese Vorbereitung greift.
Für die Quoten bedeutet dieses Trauma einen kleinen Discount auf englische Mannschaften in K.-o.-Spielen, der nicht offen kommuniziert wird, aber im Markt sichtbar ist. Wer auf England in einer engen K.-o.-Partie wettet, akzeptiert implizit die Möglichkeit, dass das Spiel ins Penaltyschiessen geht und die Mannschaft mit einer messbar tieferen Erfolgswahrscheinlichkeit als der Gegner steht.
Englands Weg zwischen Hoffnung und Trauma
Mein Basisszenario für England ist Gruppensieg in Gruppe L, dann ein Sechzehntelfinal-Sieg gegen einen Mittelklassegegner, dann ein Achtelfinal-Sieg gegen einen stärkeren Gegner, und im Viertelfinal ein offenes Spiel gegen eine andere Topmannschaft. Ein Halbfinaleinzug ist realistisch, ein Finaleinzug ist möglich, ein Titelgewinn ist der Traum, der seit 1966 nicht mehr Wirklichkeit wurde.
Mein optimistisches Szenario: Tuchel findet die richtige Rollenverteilung zwischen Bellingham und Kane, die Mannschaft gewinnt jedes K.-o.-Spiel, die Penaltyschiessen werden diesmal gewonnen, und England steht am 19. Juli im MetLife Stadium als Weltmeister auf dem Podium. Diese Variante wäre die Erlösung einer ganzen Fussballgeneration und würde Tuchel in der englischen Geschichte einen Platz sichern, den kein Trainer seit Alf Ramsey erreicht hat. Mein pessimistisches Szenario: ein Stolpern im Viertelfinal gegen Frankreich oder Brasilien, erneut ein Penaltyschiessen, erneut eine Niederlage. Die Wiederholung der letzten Turniere wäre für die englische Öffentlichkeit eine weitere Bestätigung der eigenen mentalen Schwäche.
Was den Ausschlag geben wird, sind drei Faktoren. Erstens die Fitness von Kane, weil ohne ihn der offensive Plan der Mannschaft nicht funktioniert. Zweitens die Form von Bellingham, der in der zentralen Schaltstelle alle Fäden zusammenhalten muss. Drittens die Fähigkeit von Tuchel, die Mannschaft in den entscheidenden Momenten zu führen. Wenn diese drei Faktoren stimmen, kann England 2026 den ersten WM-Titel seit 1966 holen. Wenn einer wackelt, endet das Turnier erneut mit der Enttäuschung, die in England zur Routine geworden ist.
